George C. Tilyou – Der Freizeitparkpionier von Coney Island

Die Zukunft im Kleinen: Mitten auf Coney Island, der Brutstätte der amerikanischen Freizeitparkkultur, eröffnete George C. Tilyou 1897 den Steeplechase Park und setzte dabei ganz intuitiv auf Geschäftsprinzipien, die noch heute jeden modernen Freizeitpark prägen – eine herausragende Pionierleistung, die ihm Titel wie “Vater und König des amerikanischen Vergnügungsparks” und “Das Genie von Coney Island” einbrachte.

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George C. Tilyou, der vielleicht erste Pionier der Freizeitparkindustrie.

Doch ohne Coney Island, das große Vergnügungsviertel im Süden von New York City, ist auch Tilyous Park kaum denkbar: Ihre Geschichte begann in den späten 1820er Jahren, als hier ein Hotel eröffnete und ist von stetiger Expansion gekennzeichnet. 1965 bauten sich auch Tilyous Eltern hier eine Existenz auf und eröffneten ein Hotel mit Restaurant. George Tilyou war zu diesem Zeitpunkt gerade drei Jahre alt und wuchs in der belebenden Atmosphäre des Viertels auf – geradezu inspirierend muss diese Zeit für ihn gewesen sein. Als junger Mann operiert Tilyou zunächst erfolgreich im Immobiliengeschäft, gibt aber gleichzeitig Coney Island nie auf. 1882, im Alter von 20 Jahren, eröffnet er mit seinem Vater das erste Theater von Coney Island. Als er sein Immobiliengeschäft später aufgeben muss, steigt er ganz in das Vergnügungsgeschäft ein.

Coney Island wird zu dieser Zeit um eine Komponente erweitert, die heute jeden Freizeitpark ausmachen: Die Attraktionen. 1877 wird der Iron Tower, eine 38 Meter hohe Aussichtsplattform mit Aufzug, installiert, 1884 dann die erste, wenn auch primitive Achterbahn Switchback. Auch Tilyou steigt hier ein und eröffnet im Frühjahr 1894 ein Riesenrad, die dort bis dahin größte Attraktion. Schließlich bringt die Eröffnung des Sea Lion Parks 1895 auf Coney Island den entscheidenden Puls zur Errichtung eines eigenen, abgeschlossenen Vergnügungsparks.

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Tilyous 38 Meter hohes Riesenrad.

Auf 15 Hektar eröffnete Tilyous Steeplechase Park schließlich 1897 – doch worin liegt seine Außergewöhnlichkeit begründet?

Da wäre zum einen die Tatsache, dass Tilyou den Steeplechase Park professionell vermarktete. Überall, am Eingang, auf den Eintrittskarten und auf anderen Druckmaterialien platzierte er das Logo des Parks, die Zeichnung eines grinsenden, vielzähnigen Mannes, vor Ort waren sowohl das mechanische Pferderennen als auch das Riesenrad gut sichtbare Markenzeichen. Und auch in anderen unternehmerischen Belangen bewies er viel Geschick: Zum Beispiel vermietete er innerhalb des Parks Parzellen, auf denen Andere dann etwa Restaurants betrieben. Diese Geschäfte durften aber nicht außerhalb der Parköffnungszeiten geöffnet haben – um den Park als Einheit erscheinen zu lassen. Sogar die Mitarbeiter trugen zur einheitlichen Erscheinung Uniformen, was zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls neu war.

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Eine der ersten überall präsenten Parklogos war des des Steeplechase Parks – auch zu finden auf den Parktickets.

Doch Tilyous vielleicht wichtigste Stärke war die Erkenntnis, die Parkbesucher in den Mittelpunkt seiner Entscheidungen zu stellen. Bei einer neuen Attraktion war nicht der investierte Geldbetrag entscheidend, vielmehr sollte der Zuschauer amüsiert werden und seinen Alltag vergessen können. Ein Beispiel hierfür ist der Ausgang des Steeplechase Ride, einem 335 Meter langen Rundkurs für vier mechanische Pferde. Hier wurden zum einen unter einer Bühne nach oben blasende Windgebläse installiert, die bei den Frauen für hoch fliegende Kleidern führten – während ein Clown den Männern mit einem Viehtreiber kleine Elektroschocks gab. Zwar wären derartige Effekte heutzutage nicht mehr denkbar, doch es hatte eine eindrucksvolle Konsequenz: Die Menschen gingen eben nicht mehr nur wegen des Fahrerlebnisses auf die Pferdebahn, sondern auch in spannungsvoller Erwartung der Effekte, die nach der Fahrt folgen würden. Weitere Attraktionen, wie der Soup Bowl, in dem 20 Besucher in die Lage einer Maus hineinversetzt wurden, die in einer Suppenschüssel gefangen ist, oder auch das Human Roulette, das menschliche Roulette, bei dem die Besucher sich krampfhaft bemühen mussten auf einer sich drehenden Scheibe Halt zu finden, verdeutlichen Tilyous großen Einfallsreichtum, wenn es um das Vergnügen seiner Kunden ging.

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Das “Human Roulette” – gutes Beispiel für Tilyous Erfindungsreichtum.

Tilyous Geschäftsvorstellung durchzog nicht nur die Attraktionen, sondern auch andere Bereiche. Dass seine Mitarbeiter die Kunden stets freundlich behandeln, gehörte bei ihm zum Standard, dabei verzichtete er aber nicht auf eine familiäre Atmosphäre in der Belegschaft. Auch in Sachen Sicherheit zeigte er erste moderne Ansätze: Tilyou kam auf die interessante Idee, Polizeibeamten regelmäßig freie Eintrittskarten zu geben, sodass diese in ihrer Freizeit den ordnungsgemäßen Ablauf sicherstellen konnten – was einen deutlichen Kontrast zum kriminalitätsreichen Rest von Coney Island darstellte. Darüber hinaus achtete er sehr penibel auf die Sicherheit der Fahrgeschäfte, ein Prinzip, dass moderne Freizeitparks heute ebenfalls befolgen. Zu guter Letzt wollte George Tilyou auch einen sauberen Park und stellte aus diesem Grund einen Reinigungstrupp ein, der eigene, weiße, Uniformen erhielt. Ganz ähnliche Uniformen verwendete dann der erste echte große Themenpark, das Disneyland in Anaheim, in seinen Anfangsjahren.

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Luftansicht von Steeplechase im Jahr 1903.

Die Bezeichnung Pionier hat sich George C. Tilyou also redlich verdient. Besucht man heute einen Freizeitpark, springen einem die von ihm erstmals etablierten Prinzipien quasi ins Auge, überall sind sie heute Standard. Tilyou selbst verließ selbst in seiner bittersten Stunde, als im Juli 1907 der Steeplechase Park Feuer fing und komplett abbrannte, das Vertrauen in sein intuitives Geschick nicht. Schon am nächsten Morgen war vor dem Eingang des Parks zu lesen: “An nachfragende Freunde: Es gab eine Menge Ärger, den ich gestern, aber nicht heute hatte und es gibt eine Menge Ärger, den ich heute, aber nicht gestern habe. An dieser Stelle wird ein größerer, besserer Steeplechase Park entstehen. Zugang zu den brennenden Ruinen – 10 Cents.” Und tatsächlich: Schon im Mai 1908 hatte der Park wieder geöffnet – und sollte es noch bis 1964 bleiben.

Bilderquelle: Westland.net/coneyisland

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