Terra Encantada: Die kurze Geschichte eines brasilianischen Freizeitparks

„Live fast, die young“ – so könnte zurückblickend das Motto des Freizeitparks Terra Encantada (deutsch: Verzaubertes Land) in Rio de Janeiro gelautet haben. Seit der Eröffnung im Januar 1998 bis zur Schließung im Juni 2010 wurden bis zu 220 Millionen US-Dollar in den Park investiert. Man ging von bis zu 20.000 Besuchern pro Tag aus und die Lage war vielversprechend: In direkter Stadtnähe und unweit zum Meer war der Park nicht nur optisch, aber auch für die Besucherströme gut angelegt.

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Der Eindruck täuscht: Es kommen keine Besucher mehr. Foto: Michelle Young

In Rio wurde Achterbahngeschichte geschrieben

Wäre alles nach Plan verlaufen, hätte man durchaus von einem breiten Angebot an Attraktionen sprechen können. Geisterbahn- und labyrinth, Go-Karts, Wildwasser-Rafting, ein IMAX-Kino, eine Achterbahn im Dunkeln und natürlich viele kleinere Fahrgeschäfte, wie sie zu jedem guten Freizeitpark gehören waren vorhanden. Das größte Highlight: Der Intamin-Coaster Monte Makaya mit acht Inversionen. Das ist geschichtsträchtig, da die Achterbahn zu besseren Zeiten nach Anzahl der Überschläge auf Platz 1 der Welt rangierte. Zuvor schaffte das einzig die Achterbahn Dragon Khan, im spanischen Port Aventura, die ebenfalls auf acht Inversionen kommt, allerdings heute noch in Betrieb ist. Erst Colossus im britischen Thorpe Park konnte Terra Encantada und Port Aventura übertrumpfen.
Dass Kodak für das IMAX-Kino den falschen Film lieferte und im Zuge der schlechten Presse nie die richtige Kassette bereitstellte, gehört zu den wenigen lustigen Details der Parkgeschichte.

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Könnte auch aus besseren Zeiten stammen: Ein Bild von Monte Makaya. Foto: Michelle Young

Folgenreiche Rückschläge erschütterten den Park

Die unendliche Pannenserie begann jedoch schon vor der Eröffnung. Einerseits musste die Einweihung gleich zweimal verschoben werden. Andererseits wurden schon vor der Eröffnung viele Eintrittskarten verkauft und das sollte dem Park zum Verhängnis werden. Das öffentliche Interesse war groß, die Ausgangslage daher vielversprechend. Mit der Eröffnung im Jahr 1998 konnten allerdings nur ein Teil der Attraktionen betrieben werden. Besucher, die vorher schon Eintrittskarten gekauft hatten, verlangten teilweise ihr Geld zurück. Nach der großen Euphorie folgte daher die große Ernüchterung.
Der Parkbetrieb lief nur knapp einen Monat, als das brasilianische Model und Schauspielerin Isis de Oliveira Terra Encantada besuchte und sich auf einem Freefall-Tower an der Halswirbelsäule verletzte. Die Verletzung war dabei so gravierend, dass ein Eingriff nötig wurde und de Oliveira zwei Monate mit Bewegungseinschränkungen zu kämpfen hatte. Der Anwalt des Models kündigte daraufhin eine Schadensersatzklage an.

Anarchistische Zustände nach Rockkonzert

Der Park machte weiterhin negative Schlagzeilen. Einmal kam es zu einer großen Schlägerei, dann streikten die Mitarbeiter. Ein eher ungewöhnliches Vorkommnis machte nach einem Auftritt der brasilianischen Rockband Charlie Brown Jr Schlagzeilen. Auch wenn es eigentlich nicht ungewöhnlich ist, dass Freizeitparks auch als Veranstaltungsflächen dienen, kam es hier zum Ausnahmezustand. Nach dem Konzert wurden auf der Verletztenliste 61 Personen gezählt. Läden des Parks wurden komplett zerstört und ausgeraubt. Alles was nicht verschraubt war, wurde von den Konzertbesuchern wortwörtlich abgerissen.

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Ob Monte Makaya woanders aufgebaut wird, ist nicht bekannt. Foto: Michelle Young

Tödlicher Zwischenfall führte zur endgültigen Schließung

Im Jahr 2010 schien es endlich positive Schlagzeilen für den Park zu geben, als die Aufzeichnungen für eine erfolgreiche Telenovela im Park stattfanden. Doch die Freude währte nicht lange: Am 19. Juni 2010 kam es zu einem tödlichen und für den Park folgenreichen Unfall: Eine 61 jährige Frau wurde aus der Achterbahn Monte Aurora geschleudert, stürzte zehn Meter in die Tiefe und verstarb an einem Schädel-Hirn-Trauma.
Im Zuge des Unfalls wurden umfangreiche Ermittlungen angestellt und es konnte dem Park nachgewiesen werden, dass nicht nur die in den Unfall involvierte Achterbahn, sondern auch die meisten anderen Attraktionen keinen geltenden Sicherheitsstandards genügten. Es war sogar die Rede von erheblichen strukturellen und mechanischen Defekten. Eine Widereröffnung des Parks wäre nur möglich gewesen, wenn alle Mängel beseitigt worden wären. Dazu kam es jedoch nicht mehr.

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Ungepflegte Freizeitpark-Kulissen. Der Zahn der Zeit nagt bereits. Foto: Michelle Young

Terra Encantada heute: Alle Zeichen deuten auf Abriss

Im Dezember 2013 wurde das Grundstück des einstigen Parks an zwei große Immobilienunternehmen verkauft. Im Zuge der Olympiavorbereitungen soll Rio De Janeiro in neuem Glanz erstrahlen, was ein verbleiben des Parks unmöglich macht. Der Verkaufswert liegt heute bei geschätzten 1,5 Milliarden Dollar. Geplant sind offenbar Hotels, Krankenhäuser und Unterkünfte. Ob man die Achterbahn Monte Makaya in einem anderen Freizeitpark wiederfinden wird, kann derzeit eher bezweifelt werden.

Fotos und Quellen (u.a.): untappedcities.com

Update: In einer früheren Version des Artikels konnte der Eindruck entstehen, dass Monte Makaya alleinig acht Inversionen aufweisen konnte. Dies stimmt nicht, da Dragon Khan bereits über die gleiche Anzahl verfügte. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

3 Kommentare

  1. Tom sagt:

    “Das größte Highlight: Der Intamin-Coaster Monte Makaya mit acht Inversionen. Das ist geschichtsträchtig, da die Achterbahn zu besseren Zeiten nach Anzahl der Überschläge auf Platz 1 der Welt rangierte”

    Naja, lasst das nicht “Dragon Khan” hören. Ich glaube der wäre stinksauer auf euch.

  2. Stefan sagt:

    Wir versuchen es ihm zu verschweigen ;)

  3. Sven sagt:

    Danke für den Hinweis Tom, Du hast natürlich recht, es wird nachgebessert. Kurzfristig dachte ich sogar, ich hätte dem Drachen die neunte Inversion unterschlagen, aber da beide auf acht kommen, ist das mit Platz 1 ja nicht grundlegend falsch. ;-)