Und wenn sie nicht gestorben sind…

Die Popularität der Grimmschen Märchen war ausschlaggebend: Ab den 1950er Jahren waren Märchenparks prägend für das deutschsprachige Freizeitangebot. Es gab sie zwar auch schon in den 1920er und 1930er Jahren, doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg sprossen sie aus allen Ecken. In schwierigen Zeiten gab es eine erhöhte Nachfrage nach einer „heilen Welt“ – und genau das boten Grimms Märchen. Meist in kleinen Holzhütten gelegen, konnten in diesen Parks Szenerien aus den allerorts bekannten Märchen betrachtet werden, direkt angeschlossen fand sich beiweilen auch ein Tiergehege oder eine Gaststätte.

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Typische Darstellung in einem Märchenpark – hier im Familypark Neusiedlersee.

Blickt man auf die Abgeschlossenheit des Geländes, das Verlangen eines Eintritts und nicht zuletzt den Parkcharakter, könnte man sogar sagen, dass sie so etwas wie eine erste mitteleuropäische Entwicklungsstufe der heute so populären Themenparks waren.

Wie die Verantwortlichen dann in der Folgezeit mit ihrem Erbe umgingen, war ganz unterschiedlich. Einige Märchenparks von damals haben inzwischen geschlossen, trotzdem findet man sie noch heute in großer Zahl, überall in der Landschaft verstreut. Die meisten von ihnen sind genauso klein, wie sie es schon vor 60 Jahren waren, einige haben sich aber auch vergrößert, etwa mit Attraktionen wie einer Sommerrodelbahn oder einem Abenteuerspielplatz. Der Aufstieg zum großen Vergnügungspark war dann aber doch ein eher seltenes Phänomen.

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Kürzlich erweitert: Der Märchenwald im Europa-Park.

Doch er kam vor: Das Phantasialand bestand 1967 zum Beispiel im Wesentlichen aus einem Märchenwald und einem See. Darauf aufbauend folgten bald Themenattraktionen in ganz unterschiedliche Richtungen – etwa 1970 ein Darkride zum Thema Tausendundeine Nacht und der Straßenzug Alt Berlin. 1974 und 1975 folgten dann mit einer Wildwasserbahn und einer Achterbahn die ersten Fahrattraktionen. Aus Platzmangel hat man den Märchenwald schließlich 2007 aus dem Park verbannt. Anders ist es beim Europa-Park, der bei seiner Eröffnung 1975 einen schon bestehenden Märchenpark in sein Angebot integrierte und ihn kürzlich sogar noch einmal umfassend erweitert hat.

Auch in der jüngsten Vergangenheit gibt es einige Ansätze von kleineren Parks, ihr Märchenthema als Sprungbrett für ein Verwandlung zum Freizeitpark zu nutzen. Zu nennen wäre da der Freizeitpark Plohn, der zu Beginn im Jahr 1996 noch ein Märchenpark war, inzwischen aber eine Vielzahl von Fahrattraktionen, darunter eine GCI-Holzachterbahn, mit ganz unterschiedlichen Thematisierungen bietet. Oder auch der Märchenpark Neusiedlersee, der sich sicherlich nicht ganz zufällig 2010 von seinem alten Namen trennte, seitdem Familypark Neusiedlersee heißt und vor kurzem seine zweite Achterbahn, einen Bobsled Coaster, eröffnete.

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“Der König und die Königin [...] fingen an einzuschlafen und der ganze Hofstaat mit ihnen” – So auch die Wache im Eftelings Märchenwald – als wäre sie schon immer da gewesen.

Das Paradebeispiel für den gewachsenen Märchenpark findet man jedoch nicht in Deutschland, sondern im niederländischen Kaatsheuvel: Efteling, 1952 als Gemeinschaftsprojekt von Gemeinde und Gesellschaftsvertretern eröffnet, profitierte wohl vor allem von zwei Dingen. Zum einen von seiner Weitläufigkeit und Natur, die ihn zum idealen Ausflugsziel machten, zum anderen vom Engagement des zu dieser Zeit sehr populären niederländischen Künstlers Anton Pieck, der die dargestellten Märchen auf eine höhere Qualitätsebene zu heben vermochte. Noch bevor, abgesehen von einigen Karussels, überhaupt eine richtige Fahrattraktion eröffnete, empfing man jährlich schon rund 1,3 Millionen Besucher und war einer der bestbesuchtesten Freizeitparks auf dem europäischen Festland. Der Wandel zum Themenpark begann dann am Anfang der 1980er Jahre mit dem Bau einer Loopingachterbahn, später folgten Schiffsschaukel, Rafting-Anlage und weitere Achterbahnen. Vielleicht einmalig ist, wie zentral der Ursprung trotzdem geblieben ist: Der Märchenwald wird regelmäßig erweitert und sorgsam in Stand gehalten und auch neue Attraktionen bedienen sich zumeist aus dem breiten Fundus der Märchen- und Sagenwelt.

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Frau Holle in Efteling beim Kissenschütteln.

Bildquellen: Familypark Neusiedlersee (1), Europa-Park (2), Eigene Fotografie (3 & 4)

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